Finanzielle Gleichberechtigung ist mehr als «wir teilen einfach alles 50:50»
- Delia Bohren

- 7. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Neulich sass ich mit einer Freundin beim Kaffee. Beide berufstätig. Beide in Beziehungen. Beide grundsätzlich modern eingestellt.
Und trotzdem fiel irgendwann dieser Satz:
„Irgendwie habe ich ständig das Gefühl, gleichzeitig an alles denken zu müssen.“
Kita. Znüni. Kinderarzt. Geschenk für den Kindergeburtstag. Ferien organisieren. Einkauf. Wäsche. Familienkalender. Wer bleibt zuhause, wenn das Kind krank ist. Wer reduziert im Job. Wer steckt beruflich zurück.
Spoiler: Es ist noch immer meistens die Frau.
Und genau deshalb reicht es eben nicht, wenn Paare sagen:„Wir teilen alles 50:50.“
Denn finanzielle Gleichberechtigung beginnt viel früher.
Die unsichtbare Rechnung hinter Teilzeit
In der Schweiz arbeiten Frauen massiv häufiger Teilzeit als Männer.
Laut Bundesamt für Statistik arbeiteten 2024 rund 58 % der erwerbstätigen Frauen Teilzeit, bei Männern waren es nur etwa 19 %. Das hat Folgen. Nicht nur beim Lohn heute, sondern vor allem langfristig:
weniger AHV
weniger Pensionskasse
tiefere Sparquote
weniger finanzielle Sicherheit
höhere Abhängigkeit im Alter
Viele Frauen kompensieren mit unbezahlter Care-Arbeit genau das, was unser System sonst gar nicht auffangen würde.
Und trotzdem wird genau diese Arbeit finanziell oft kaum sichtbar gemacht.
„Aber wir haben doch ein Gemeinschaftskonto“
Ja. Das haben viele Paare.
Das Problem ist nur:Gemeinsame Konten lösen keine strukturelle Ungleichheit.
Wenn eine Person beruflich zurücksteckt, weniger verdient, weniger Vorsorge aufbauen kann und gleichzeitig den grösseren Mental Load trägt, dann entsteht langfristig oft ein finanzielles Ungleichgewicht — selbst in liebevollen Beziehungen.
Das bedeutet nicht, dass Beziehungen unfair sind.
Aber unser System ist es häufig.
Die Teilzeitfalle trifft besonders Mütter
Gerade mit Kindern passiert oft etwas Spannendes:
Viele Paare starten mit sehr ähnlichen Vorstellungen.Und irgendwann rutscht man schleichend in klassische Rollenbilder.
Nicht unbedingt aus Überzeugung.Sondern weil:
Betreuung teuer ist
Arbeitsmodelle fehlen
Schulen und Betreuung oft wenig flexibel sind
Frauen gesellschaftlich noch immer stärker für Care-Arbeit verantwortlich gemacht werden
Und plötzlich arbeitet er 100 %.Sie 50–60 %.
Kurzfristig wirkt das oft logisch.Langfristig kann es sehr teuer werden.
Warum ich darüber so offen spreche
Weil ich finde, wir sprechen in der Schweiz noch immer viel zu wenig ehrlich über Geld.
Vor allem Frauen wurden lange beigebracht:
nett zu sein
nicht „zu materialistisch“ zu wirken
nicht über Geld zu sprechen
sich lieber um andere zu kümmern
Aber finanzielle Bildung hat nichts mit Egoismus zu tun.
Sie bedeutet Freiheit.Optionen.Sicherheit.
Und auch die Möglichkeit, Entscheidungen nicht aus finanzieller Angst treffen zu müssen.
Was Paare konkret besprechen sollten
Nicht romantisch. Aber extrem wichtig:
Wer reduziert wie stark?
Und wie wird das langfristig ausgeglichen?
Wie sieht die Vorsorge aus?
AHV, Pensionskasse, Säule 3a — beide sollten verstehen, was passiert.
Wie wird unbezahlte Arbeit berücksichtigt?
Nicht nur emotional, sondern finanziell.
Was passiert bei Trennung oder Krankheit?
Viele verdrängen diese Frage komplett.
Finanzielle Fairness bedeutet nicht immer exakt 50:50
Manchmal ist fair eben gerade NICHT alles exakt halb-halb zu teilen.
Sondern anzuerkennen:
wer mehr Care-Arbeit übernimmt
wer beruflich zurücksteckt
wer langfristig finanzielle Nachteile trägt
Und genau darüber sollte man offen sprechen dürfen — ohne Schuldgefühle.
Mein Wunsch für die nächste Generation
Dass Mädchen früh lernen:
über Geld zu sprechen
zu investieren
ihre Vorsorge zu verstehen
finanziell unabhängig zu sein
Grenzen zu setzen
und ihre eigene Arbeit ernst zu nehmen
Nicht erst mit 40.Nicht erst nach einer Trennung.Nicht erst, wenn plötzlich die Pensionskasse fehlt.
Sondern von Anfang an...
Deine Delia

Quellen:
Sotomo Studien Schweiz



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