Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft:Warum Frauen so oft ein schlechtes Gewissen haben – und Männer seltener
- Delia Bohren

- vor 1 Tag
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Ich plane. Viel.Ich überlege mir, wie ich arbeiten kann, ohne meinen Sohn zu vernachlässigen.Wie ich qualitativ gute Zeit mit ihm verbringe.Wie ich trotzdem noch Sport mache, mit meinem Partner Zeit habe – und zwischendurch auch einfach nichts tue.
Und trotzdem ist da dieses Gefühl.Ein leises, manchmal sehr lautes:👉 Mache ich genug?👉 Bin ich zu viel weg?👉 Leide mein Kind darunter?
Und dann beobachte ich Männer. Väter.Und frage mich: Warum stellen sie sich diese Fragen so viel seltener?
Bilde ich mir das ein?
Die kurze Antwort: Nein.
Das schlechte Gewissen von Müttern ist kein individuelles Problem
Viele Frauen glauben, sie seien einfach „zu streng mit sich selbst“.Zu emotional. Zu perfektionistisch.
Aber das greift zu kurz.
Das schlechte Gewissen von Müttern ist kein persönlicher Makel, sondern ein gesellschaftliches Erbe.
1. Rollenbilder wirken weiter – auch wenn wir sie ablehnen
Auch wenn wir emanzipiert aufgewachsen sind, arbeiten, Geld verdienen und gleichberechtigt leben wollen:Das Bild der „guten Mutter“ sitzt tief.
Die gute Mutter ist:
verfügbar
emotional präsent
organisiert
geduldig
verantwortlich
Und vor allem: zuständig.
Selbst wenn beide Eltern arbeiten, bleibt die mentale Hauptverantwortung oft bei der Mutter.
Mental Load: Die unsichtbare Arbeit im Kopf
Frauen denken nicht nur darüber nach, was sie tun, sondern auch:
Wer denkt an den nächsten Kinderarzttermin?
Wer merkt, wenn die Kleidung zu klein wird?
Wer plant Betreuung, Essen, Schlaf, Termine?
Wer fühlt sich verantwortlich, wenn etwas „nicht ideal“ läuft?
Diese permanente Denk- und Organisationsarbeit nennt man Mental Load.
Und genau dieser Mental Load produziert Schuldgefühle.Nicht, weil Frauen „so sind“, sondern weil sie
so sozialisiert wurden.
Und Männer?
Die provokante Frage:Warum haben Männer seltener ein schlechtes Gewissen?
Nicht, weil sie ihre Kinder weniger lieben.Sondern weil:
ihre Elternrolle gesellschaftlich anders bewertet wird
Erwerbsarbeit bei Männern als „Pflicht“, bei Frauen als „Abwägung“ gilt
sie seltener für emotionale Verfügbarkeit verantwortlich gemacht werden
Ein Vater, der arbeitet, ist engagiert.Eine Mutter, die arbeitet, rechtfertigt sich.
Das ist kein individuelles Versagen – das ist ein System.
Bewusst verzichten ist kein Scheitern – sondern Selbstführung
Ich verzichte bewusst.Nicht alles geht gleichzeitig. Und das ist okay.
Ich entscheide mich:
für Arbeit und Mutterschaft
für Zeit mit meinem Sohn – qualitativ, nicht permanent
für meinen Körper (Sport)
für meine Partnerschaft
Nicht perfekt. Aber bewusst.
Und genau das ist der Punkt:Vereinbarkeit bedeutet nicht alles gleichzeitig – sondern das Richtige zur richtigen Zeit.
Was wir neu denken müssen
Schuldgefühle sind kein Beweis für gute Mutterschaft
Erschöpfung ist kein Zeichen von Schwäche
Vereinbarkeit ist keine private Optimierungsaufgabe
Gleichberechtigung beginnt im Kopf – und im Alltag
Und vielleicht auch mit der Frage:👉 Warum rechtfertige eigentlich immer ich mich? Und das habe ich im Moment selbst extrem. Mir fehlen manchmal einfach die Vorbilder..
Fazit
Nein, du bildest dir das nicht ein.Ja, Frauen haben schneller ein schlechtes Gewissen.Und nein – das ist kein persönliches Problem, sondern ein strukturelles.
Die gute Nachricht:Je mehr wir darüber sprechen, desto weniger tragen wir es alleine.



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