Weibliche Wut: Warum sie mich wütend macht – und warum genau das richtig ist
- Delia Bohren

- vor 8 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Ich bin wütend. Oft. So auch am Wochenende.
Und während ich da sass, habe ich gemerkt, wie schnell dieses Gefühl kippt.Nicht in Ruhe. Nicht in Klarheit. Sondern in ein schlechtes Gewissen?!
Weil meine Wut offenbar nie einfach nur Wut sein darf. Nie. Nie. Nie.

Weibliche Wut beginnt nicht erst im Erwachsenenleben
Wenn ich ehrlich bin, kenne ich dieses Gefühl schon mein ganzes Leben.
Als kleines Mädchen war ich „zu viel“, wenn ich wütend war.Zu laut. Zu stur. Zu emotional.
Wenn ich im Sport reagiert habe, war ich „übertrieben“.Wenn ich mich gewehrt habe, war ich „schwierig“.
Und gleichzeitig habe ich gesehen, wie dieselben Verhaltensweisen bei Männern ganz anders eingeordnet wurden.
Wenn mein Vater laut wurde, war er halt mein Vater. Wenn er konsequent war, war er stark. Wenn er wütend war, war das nachvollziehbar.
Diese Doppelmoral bleibt nicht ohne Folgen....Sie sitzt tief.
Denn sie prägt, wie wir unsere eigene weibliche Wut wahrnehmen.
Weibliche Wut fühlt sich oft falsch an – selbst für uns selbst
Das vielleicht Frustrierendste ist nicht einmal, dass andere meine Wut hinterfragen.Es ist, dass ich es selbst tue!
Kaum bin ich wütend, kommt sie sofort:die zweite Stimme.
„War das jetzt zu viel?“„Übertreibe ich gerade?“„Ist das wirklich gerechtfertigt?“ Ich hasse es!!
Und genau das ist das Problem.
Denn weibliche Wut wurde uns nie als etwas Legitimes beigebracht. Sondern als etwas, das kontrolliert, abgeschwächt oder relativiert werden muss.
Weibliche Wut und Diskussionen über Frauenrechte
Besonders deutlich wird das für mich in Gesprächen über Gleichstellung.
Du kennst diese Situationen vielleicht auch:Du sprichst ein strukturelles Problem an – und kaum hast du begonnen, kommt das erste „Ja, aber Frauen machen doch auch…“.
Und genau hier wird es schwierig.
Denn es geht nicht um Einzelfälle.Es geht um Strukturen.Es geht um Zahlen.
Laut dem Bundesamt für Statistik werden rund 90–95 % der beschuldigten Personen bei Gewaltstraftaten in der Schweiz von Männern gestellt.
Auch international zeigt sich ein ähnliches Bild:Die überwiegende Mehrheit schwerer Gewaltverbrechen wird von Männern begangen.
Und trotzdem wird jede Diskussion sofort relativiert:" Aber Frauen ... bla bla bla.."
Nicht, weil die Fakten unklar wären.Sondern weil die Emotionen im Raum unbequem werden.
Was uns männliche Gewalt gesellschaftlich kostet
Neben dem menschlichen Leid gibt es auch eine finanzielle Dimension.
Studien zeigen, dass Gewalt – insbesondere häusliche Gewalt – die Gesellschaft Milliarden!!!!! kostet.In der Schweiz schätzt man die volkswirtschaftlichen Kosten von Gewalt auf mehrere Milliarden Franken pro Jahr(unter anderem durch Gesundheitskosten, Polizeieinsätze, Justiz und Arbeitsausfälle; Quelle: Bundesamt für Statistik und ergänzende Studien im Bereich Gewaltprävention).
Und trotzdem fällt es vielen schwer, das klar zu benennen.
Weibliche Wut ist eine logische Reaktion auf reale Ungleichheit
Wenn ich also sage, dass mich das wütend macht, dann ist das keine Überreaktion.
Es ist eine logische Reaktion auf:
strukturelle Ungleichheit
statistisch belegbare Gewalt
gesellschaftliche Relativierung
und die Erwartung, dabei bitte ruhig zu bleiben
Und genau hier wird weibliche Wut politisch.
Denn sie zeigt auf, wo etwas nicht stimmt.
Warum wir mehr weibliche Wut brauchen – nicht weniger
Vielleicht ist das Unbequemste an weiblicher Wut nicht die Lautstärke.
Sondern die Klarheit.
Denn weibliche Wut stellt Fragen, die man nicht so leicht wegdiskutieren kann.
Sie zwingt uns hinzuschauen.Sie lässt sich nicht einfach beschwichtigen.
Und genau deshalb wurde sie so lange klein gehalten.
Mein Punkt ist nicht, dass alle Männer das Problem sind - oder schon?
Aber mein Punkt ist:
Wir können nicht über Gleichstellung sprechen,wenn wir die Realität ständig relativieren.
Wir können nicht über Gewalt sprechen,wenn wir sofort Gegenbeispiele suchen.
Und wir können nicht über Veränderung sprechen,wenn weibliche Wut immer zuerst gerechtfertigt werden muss.
Und vielleicht sind wir einfach nicht wütend genug!!!!
Das ist der Gedanke, der mich nicht loslässt.
Nicht, dass wir zu wütend sind.Sondern dass wir es zu wenig sind.
Weil wir gelernt haben, unsere weibliche Wut zu hinterfragen,noch bevor wir sie überhaupt verstehen.
Vielleicht wäre genau das der Anfang:unsere Wut nicht sofort zu korrigieren.
Sondern sie ernst zu nehmen.
Deine wütende Delia



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